„Ohne Fokus“, oder woran es liegen kann, dass Kinder Intelligenz nicht umsetzen können

In diesem Essay geht es um Kinder und Jugendliche, die nur schwer mehrere Eindrücke gleichzeitig verarbeiten können und kaum steuern können, worauf sich ihre Konzentration richten soll. Wir sprechen dann von Kindern und Jugendlichen mit ADS oder ADHS – je nachdem, ob es sich um eine Aufmerksamkeitsstörung gepaart mit Hyperaktivität handelt (Ohne Fokus, Welt am Sonntag, 23. Juli 2017). Um Maik Herberhold, Kinder- und Jugendpsychiater in Bochum und Vorsitzender des Bundesverbands für Kinder- und Jugendpsychatrie (Welt am Sonntag vom 3. Februar 2013) zu zitieren: "Kinder mit ADHS haben eine neurologische Beeinträchtigung. Im  Vorderhirn, hinter der Stirn, wird die Arbeitsplanung vollzogen. Dieser Teil des Gehirns ist unterversorgt. Die Impulssteuerung funktioniert nicht, alle Reize werden ungefiltert wahrgenommen, eine Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig ist nicht möglich."

 

Wenn die Kinder Glück haben, sehen die Eltern hin und realisieren, dass sich ihre Kinder im Alltag schwer tun, dass sie nicht „ins System passen“. Die Eltern akzeptieren, dass sie ihre Kinder unterstützen müssen und engagieren sich. Sie reden mit den Lehrern, erreichen, dass die Schulen entsprechende Maßnahmen ergreifen, wie mehr Zeit für Prüfungen, Förderkurse oder Notenschutz. Sie kümmern sich um Therapien, vor allem aber reden sie mit ihren Kindern und lassen sie nicht allein.

 

In den schlechten Fällen treffen die Kinder mit ihren Problemen auf Unverständnis oder Ignoranz , im schlimmsten Fall auf eine Stigmatisierung. Die Eltern kehren die Probleme ihrer Kinder unter den Tisch, es darf nichts publik werden, Therapien werden abgelehnt. Oder ein Kind muss die amtlich bescheinigte Diagnose durchlaufen, muss beweisen, dass es bereits psychisch stark gelitten hat, um vom Jugendamt die entsprechende Therapie bewilligt zu bekommen (Simone Fleischmann in „Mein Kind ist doch nicht doof“ Süddeutsche Zeitung vom 7. August 2017). Psychisch wird die Situation dann, wenn das Kind infolge fortwährenden Versagens und entsprechender Bestrafung in einer negativen Spirale des Leidens und des Verlusts seines Selbstwertgefühls gefangen ist und das hat wiederum Einfluss auf die schulische Entwicklung des Kindes.

 

Wird die kindliche Entwicklungsstörung erst relativ spät erkannt  und akzeptiert, ist der Leidensweg des Kindes bereits in vollem Gange. Dann wird der Förderweg holprig, sei es weil erst einmal der Apparat staatlicher Stellen eingeschaltet werden muss, sei es weil die Schule nicht bietet, was das Kind eigentlich brauchen würde, sei es weil die Kinder tatsächlich schon lange einen schweren Stand haben und ständig erleben wie sie in Situationen versagen, in denen andere Kinder problemlos reüssieren.

Bereits im Kindergartenalter und auch oft noch früher können wir beobachten, dass sich nicht jedes Kind in gleichem Tempo entwickelt oder unter (temporären) Defiziten oder Störungen leiden kann, die es in seiner Entwicklung beeinträchtigen oder gegenüber anderen Kindern benachteiligen können. Einschränkungen des Kindes zeigen sich manchmal nur verhalten. Es sind nur „kleine Eindrücke“, die man gewinnt, Anhaltspunkte, die man sensibel beobachten und im Laufe der Jahre nicht aus den Augen verlieren sollte.

So geschieht es oft, das Kind funktioniert nicht, die Kindergärtnerin schimpft unentwegt, weil sie nicht ausreichend geschult ist, die Eltern sind genervt und irgendwann einmal auch sehr gestresst. Auch Grundschullehrer und -lehrerinnen sind nicht ausgebildet, um zu erkennen, dass dieses manchmal unangepasste, schusselige, unkonzentrierte, sozial oft schwache Kind nicht anders kann. Und natürlich ist dieses betroffene Kind darüber sehr unglücklich, denn jeder leidet darunter, wenn er ständig kritisiert, gemaßregelt und zurückgestoßen wird. 

 

Die Entwicklungsstörung hat eine stark genetische Komponente (Prof. Marcel Romanos, Leiter des Kinder- und Jugendpsychatrie am Uniklinikum Würzburg, Welt am Sonntag vom 3.februar 2013) .  D. h. Die Störung der Wahrnehmung hat nicht nur biologische oder vielleicht auch soziale Ursachen, sondern vor allem wird sie vererbt. Das wiederum bedeutet für Eltern, die wegschauen, dass sie ihr Kind im Falle einer Wahrnehmungsstörung für etwas bestrafen, das sie oder ein anderes Familienmitglied vererbt haben.

Natürlich gibt es auch die Einflussfaktoren, die im Bereich erzieherischer Mängel, Verhaltensauffälligkeiten, Bewegungsmangel, Reizüberflutung oder Störungen im Sozialverhalten liegen. Aber wir können heute davon ausgehen, dass sich international renommierte Forscher einig darüber sind, dass es sich im Falle der oben genannten Symptome in vielen Fällen um eine Erkrankung mit einer stark genetischen Komponente handelt.  Auch wird das Phänomen der Wahrnehmungsstörung heute stärker wahrgenommen und Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten werden öfters als solche diagnostiziert. Wie viele Erwachsene kennen Sie, die Ihnen erzählen, wie wild sie als Kind waren, wie oft sie verhauen wurden, wie schwierig die Schule war, wie chaotisch sie waren etc.? Ich bin mir sicher, relativ viele! Und meistens waren es sehr unglückliche Schüler und Schülerinnen. Heutzutage müssen wir zudem in Betracht ziehen, dass der Leistungs- und Perfektionsdruck, der auf unseren Kindern lastet, zum Teil enorm gestiegen ist. Da fallen Kinder, die sich wenig "geländegängig" verhalten, natürlich noch stärker auf. Vielleicht konnten sich diese Kinder früher durchmogeln, auch das haben sie sicherlich schon oft gehört. Ich denke, dass das heutzutage leider nicht mehr so einfach ist und dass sich Kind-Sein sehr verändert hat.

 

Das angelsächsische und amerikanische Schulsystem ist m.E. weit besser in der Lage auf diese Kinder zuzugehen als das der deutsche Kindergarten und die deutsche Schule können. Auch in der Schweiz bin ich auf ein anderes, differenzierteres und schlichtweg besseres Ausbildungsniveau des Kindergarten- und Lehramtspersonals gestoßen. Und diese Erkenntnis steht vor dem Hintergrund, dass wir in Deutschland die Kindererziehung mittlerweile eher liberal als autoritär erleben. Aber Fakt ist, dass sich viele Kinder besser entwickeln würden, hätten sie mehr Struktur, positive Motivation und klare Anweisungen und würden nicht in Klassen mit 30 Schülern vor ihren Arbeitsheften allein gelassen. Viele betroffene Kinder gehen oft nach einer langen Reihe von negativen Erlebnissen und Frustrationen in englische, irische oder schottische Internate, um dort genau das zu erfahren, was sie hier in Kindergarten und Schule nicht erleben dürfen: den individualisierten, stark strukturierten und im Sinnes des Kindes positiven Schulunterricht. 

Manchmal ist es auch den Eltern zu anstrengend Regeln und Struktur zu schaffen und vor allem aufrecht zu erhalten. Struktur ist anstrengend, denn eine Familie ist eine kleine Einheit, die ihre Regeln nach aussen verteidigen muss. Im Internat gilt alles für alle. Da kann die eine oder andere Anweisung nicht angefochten werden mit dem Argument:"...aber die anderen dürfen...!" Wer kennt das nicht. Aber Internat bedeutet immer, dass man seine Kinder weggeben muss und das will nicht jeder und kann auch nicht jeder.

 

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass wir Wahrnehmung  nicht mit Intelligenz verwechseln dürfen, was leider immer noch sehr oft geschieht. Wahrnehmung und Intelligenz sollte man getrennt betrachten. So können intelligente Kinder trotz ihrer Begabung in Alltagssituationen  versagen, wenn ihre zerebrale und folglich auch ihre physische Koordination noch nicht so weit fortgeschritten ist wie bei anderen Kindern gleichen Alters. Sie nehmen nicht wahr, wie und warum sie den Farbtopf umwerfen, denn sie schaffen es (noch) nicht z.B. mit einer Gießkanne in ein Gefäß zu zielen. Da gibt es sehr viele Beispiele. Ihre mangelhafte Konzentration führt dazu, dass Lösungswege beim Spielen, Arbeiten und Lernen nur ungenügend angewendet werden,  nicht vollständig ausgeführt werden, nach kurzer Zeit abgebrochen werden oder in immer neuen und anderen Versuchen scheitern. Das Kind versucht es immer wieder, kann nicht umsetzen, was es sich vorgenommen hat, verzettelt sich, wird frustriert und gibt irgendwann auf. Oder wird wütend. Daraufhin wird es vom Erwachsenen geschimpft oder noch schlimmer bestraft, da die Eltern nur sehen, dass das Ergebnis nicht erzielt wurde, nicht aber, warum dies so ist.

 

Ein noch so intelligentes Kind kann seine Intelligenz nicht zu Papier bringen, wenn ihm die Umsetzungsfähigkeiten hierzu fehlen, d.h. die Hand-Kopf-Koordination nicht ausreichend funktioniert. Ich habe hierzu zwei sehr kluge Bücher gelesen, zum einen das Buch "Bausteine der kindlichen Entwicklung" von Jean Ayres, zum anderen das Buch "Wahrnehmungsförderung"  von Dr. Félicié Affolter, einer Schweizer Psychologin. Vor diesem Hintergrund könnte ich mir gut vorstellen,  dass die allgemeine und spielerische Einführung von Ergotherapie im Kindergarten zur Förderung der Koordination und Konzentration bei Kindern viele spätere Probleme in der Schule abschwächen würde. Ergotherapie, und hier gibt es natürlich unterschiedliche Lehransätze, hilft dem Kind zu lernen wie es schlüssige Handlungen durchführt und zu Ende bringt. Es fördert die Zusammenarbeit der rechten und linken Gehirnhälfte und verbessert die Koordination und Konzentration. Die Therapie sollte optimaler-weise zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr begonnen und durchge-führt werden. Dann ist das Gehirn am ehesten in der Lage Defizite auszugleichen und es besteht die größte Chance Entwicklungsrück-stände rechtzeitig aufzufangen und erfolgreich zu korrigieren. Natürlich gibt es hier sehr unterschiedliche Meinungen und Über-zeugungen, basierend auf vielfältigen Forschungsansätzen. Ich möchte  und kann hier nicht im Einzelnen auf die verschiedenen Ergotherapie-, aber auch Verhaltens- und Psychotherapieansätze eingehen. Mein Anliegen ist es für die pragmatische Unterstützung von Kindern mit Hilfe von Therapien und (Früh) Förderungsmethoden und –mitteln zu plädieren.

 

Oft bekommen Eltern für ihre nicht angepassten Kinder Ritalin verschrieben und glauben, dass das die bequeme (und unauffällige) Lösung aller Probleme ist. Ich gehöre zu denen, die davon überzeugt sind, dass grundsätzlich das Trainieren des Gehirns die wahren Fortschritte bringt. Aber bitte nicht nur einmal die Woche. Das ist zu wenig. Das therapeutische Förderprogramm kann begleitet werden von Reiten, Psychodynamik, Logopädie, Psychotherapie, Klettern, asiatischen Sporttechniken, Klavier, Schach und alles was Koordination und Konzentration des Kindes fördert! Andrea Ludolph, Oberärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie und Psychotherapie der Universität Ulm, meint dazu: "MPH (Ritalin) kann im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzeptes eine effektive Unterstützung sein. Es ist aber offensichtlich kein Heilmittel." ..."wird das Medikament weggelassen, ist oft die Symptomatik wieder da." (Welt am Sonntag vom 3. Februar 2013) Ihrer Meinung nach ist es nicht ausreichend den Hirnstoff-wechsel der Kinder medikamentös zu behandeln. "Zum therapeutischen Gesamtkonzept...gehört...auch unbedingt ausreichend Bewegung und Sport." Genauso wie die Aufklärung der Eltern, der betroffenen Kinder und - ganz oder genauso wichtig - ihrer Lehrer, die dieses Wissen nicht in ihrer Ausbildung erwerben können! Natürlich kann es in extremen Fällen richtig sein Ritalin zu geben, um die  Belastung der Familie zu mindern und eine oft jahrelange Odyssee von Kind und Eltern durch Schulsprechstunden, aber auch Arztpraxen zu beenden. Aber wie gesagt: "das sind eben keine Smarties, sondern stark wirksame ... Psychopharmaka."(Gerd Glaeske, Koleiter der Abteilung Gesundheits-ökonomie, Gesundheitspolitik und Versorgungsforschung an der Universität Bremen, Welt am Sonntag vom 3. Februar 2013).

 

Die Fähigkeit, die eigene Intelligenz in ziel- und erfolgsorientiertes Verhalten umzusetzen, ist die Voraussetzung für den späteren Erfolg in der Schule und  in jeder weiteren Form der Ausbildung. 

Bitte sehen sie hin und versuchen sie zu akzeptieren, wenn ihr  Kind ihre Unterstützung braucht. Manchmal "wachsen sich die Dinge aus", meist aber leiden die Kinder jahrelang unter ihren Defiziten und den nachfolgenden Versäumnissen. Hier kann ich nur Adam Alfred, Kinder- und Jugendpsychiater vom ADHS-Zentrum in München-Neuhausen zitieren, der sagt: "...was bedeutet es für das Selbstwert-gefühl, wenn ein Kind trotz hoher Intelligenz ständig schlechte Noten schreibt und niemand mit ihm spielen will! Was Kinder brauchen, sind doch Anerkennung und Erfolg. Und genau das haben ADHS-Kinder viel zu wenig. Man muss es einmal erlebt haben, wie glücklich und stolz ADHS-Kinder sind, wenn es ihnen gelingt, erfolgreich zu sein. Es geht nicht nur darum, dass Kinder funktionieren, sondern, dass sie in die Lage versetzt werden, sich in unserer komplexen und reizüberfluteten Welt zurechtzufinden“. „Es ist zynisch, betroffene Kinder in die Spirale von Ablehnung und Versagen laufen zu lassen...." , war in der „Süddeutsche Zeitung“ vom 2./3. Februar 2013 zu lesen. Ich kann mich dieser Ansicht nur anschließen.

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